Es ist nach Mitternacht. Mein erster Schlaf ist schon vorbei. Ich bin hellwach. Das ganze Haus ist ruhig, sogar die Fernseher, die in diesen Tagen nicht müde werden, uns auf allen Kanälen mit Krisennachrichten zu versorgen.
Ich fühle mich ein wenig überversorgt damit.

Trotz all der Schreckensbilder, die uns gezeigt werden, will sich das Gefühl von Angst bei mir nicht einstellen. Dadurch erlebe ich das Geschehen um mich herum wie etwas Surreales. Kein Wunder also, dass ich am Anfang auch echte Anpassungsschwierigkeiten hatte an diese Situation. Mir kam es so vor, als wolle man mir irgendetwas weismachen, mich von etwas überzeugen, an das ich nicht so recht glauben konnte.

Inzwischen spiele ich das Spiel mit. Ich nehme die Regeln dieses Spiels an. Diese Spielregeln gelten gerade in meinem Leben. Und nachdem ich sie angenommen hatte, erkannte ich sofort Vorteile für mich. Ich durfte mich mal wieder gänzlich aus menschlichem Kontakt zurückziehen. Dann entsteht viel mehr Raum um mich herum, ein Freiraum, der mir mehr Zeit zum Denken und Fühlen gibt.
Meinem Mann wurde seine Planungsaktivität entzogen, es lässt sich nichts mehr planen gerade, er kann nicht gedanklich in die Zukunft. Dadurch bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich in der Gegenwart aufzuhalten. Und in dieser Gegenwart trifft er auf mich. Das bringt uns näher zusammen.

Trotz der willkommenen Veränderungen bei uns, die sich durch die neuen Spielregeln ergaben, blieb ich jedoch unruhig. Etwas trieb mich um und ich konnte nicht dahinter kommen, was es war.

Ich musste mir selber ein Gefühl zu diesem Virus verschaffen. Da ich überhaupt keine Angst vor ihm habe, kann er folglich mein Feind nicht sein. Ich musste mir ein Gefühl zu meinem eigenen Körper verschaffen. Was sagt mein Körper zu all dem?

Durch eine Krebserkrankung habe ich gelernt, dass dieses Gefühl äußerst wichtig ist, denn die Aussagen des eigenen Körpers können stark abweichen von dem, was Experten meinen. Ich habe gelernt, meinen Körper zu befragen, damit ich eigene Entscheidungen für mich treffen kann und die Verantwortung für meine Entscheidung nicht an Experten abgeben muss.

Meine Befragung, die durch Meditation und ein tiefes In-mich-Gehen, durch eine tiefe Verbindung zu meinen Gefühlen zustande kam, ergab folgendes: „Ich bin nicht jetzt und zu keiner Zeit eine Gefahr für den Leib und das Leben anderer Menschen.“

Dieser Satz ist mir jetzt eingegeben, ein tiefes Gefühl, eine stille Gewissheit, die mich die halbe Nacht lächeln ließ, bis ich wieder einschlief. Eine große Erleichterung überkam mich. Ich bin keine Gefahr für andere. Was will ich mehr?

Es ist nicht entscheidend, ob irgend jemand auf der Welt das auch glaubt. Es ist nicht wichtig, dass andere Menschen denken, ich könne ihnen in dieser Zeit nichts Gefährliches übertragen. Ich halte weiterhin respektvollen Abstand, spiele das Spiel mit. Nein, etwas Wesentliches hat sich für mich durch diesen Satz geändert. Ich habe wieder ein tiefes Vertrauen zu mir selber. Und ich habe ein Gefühl von Unschuld. Und mit diesen wundervollen Gefühlen laufe ich jetzt durch die Welt.

Ein Grundrecht, das zurzeit nicht suspendiert ist, ist Artikel 4, Absatz 1 des Grundgesetzes:
Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

(Ria Wahlen-Cordes)