„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus…“ „Ich kann zu meiner Reisen nicht wählen mit der Zeit, muss selbst den Weg mir weisen in dieser Dunkelheit…“ Schuberts Winterreise erzählt davon, wie jemand die Liebe verlassen muss, in die Welt hinausgeht und im Grunde nach dieser verlorenen Liebe sucht, sich danach zurück sehnt. Todessehnsucht begleitet ihn, weil er sein Zuhause in der Welt nicht finden kann.

Nur ein Jahr vor seinem Tod fügte Schubert dem Text Wilhelm Müllers die Töne bei, die die Winterreise als Allegorie für unser Heimatsuchen in der Welt zu einem Meisterwerk werden ließen. Wir kommen aus dem Wasser, aus der Wärme und Geborgenheit des Fruchtwassers – gleichzusetzen mit einer uns umhüllenden Liebe, aus der wir, wenn es an der Zeit ist, hinausgeworfen werden in diese Welt. Von da an gehen wir unseren Weg alleine und müssen unseren Platz finden hier.

Ein weibliches Wasserwesen wie unsere Nixe repräsentiert dieses Herauskommen aus der Geborgenheit und das Eintreten in diese Welt.

Wenn wir unsere Nixe ziehen, von einem Ort zum Anderen, immer an der Lühe entlang, von hier nach dort, ziehen wir dann mit ihr nicht auch dieses Sinnbild durch die Welt? Einen Platz finden hier, Heimat finden – immer wieder auch.

Heimat zu finden bedeutet ja nicht nur den richtigen Ort zum Leben. Heimat finden heißt, mich in meiner Welt wohl zu fühlen, mich angenommen und verstanden zu wissen. Unerlässlich hierfür aber ist, dass ich mich selber mag, dass ich in mir selber ein ganz großes Zuhause finde.

In mir selber, das ist nicht auf der Benutzeroberfläche des Lebens, das ist ein geheimer Ort, der anderen gar nicht zugänglich ist. Wie ganz tief unten im Meer etwa. Unsere Nixe kommt von dort.

In alten Kulturen weiß man um diese „Winterreise“ der Seele, man weiß und wusste, dass der Mensch die Dunkelheit in sich selber aufsuchen muss, um sich genau dort zu finden, zu seinem Kern zu gelangen, zum Wesentlichen. Im Kern liegt unser Geist verborgen, so wie der ganze Baum noch verborgen ist in seinem Samen.

Wenn wir mit unserer Nixe ziehen, ist das auch ein Symbol für die Veränderung auf unserem Weg. Nicht erstarren in Angst, Abschottung vornehmen, nur festhalten und darauf hoffen, dass alles so bleibt, sondern mitfließen mit dem Strom des Lebens, sich den Wandlungen anpassen – reisen eben. Auf dass wir nicht sehnsüchtig nach dem Verlorenen schauen, sondern das, was wir in uns gefunden haben, mit Freuden tragen in die Welt.

Winterreise – ein Gehlied.

(Ria Wahlen-Cordes)