Unsere Nixe kommt aus einer imaginären Welt, wir sagen: aus der Tiefe des Wassers. Von einem Ort jedenfalls, der uns in dieser Form unbekannt ist, denn – wir könnten dort nicht leben.
Sie macht eine Reise auf dem Land, auf der Erde.

Damit ist sie ein Symbol für unsere Reise, die wir mit unserer Zeugung angetreten sind. Auch wir kommen aus einer uns unbekannten Welt und treten mit unserer Geburt unsere Lebensreise an auf dieser Erde. Am Ende werden wir von Kräften, für die wir keinen Namen haben, hingezogen an einen neuen Ort, der jedem von uns noch unbekannt ist.

Hingezogen werden.

Die Nixe kann nicht selber laufen. Wir ziehen sie von einem Ort zum anderen an einem Tau, das jeder sehen kann.

Wir Menschen werden auch gezogen, hingezogen zu den Stationen unseres Lebens. Gezogen von unserem inneren Drang nach Vorwärtsbewegung, nach Wachstum, nach Reifung. Hingezogen zu Erfahrungen, die wir brauchen, um etwas über uns und das Leben zu lernen.

Manchmal möchten wir uns nicht ziehen lassen. Wir wollen verbleiben an der Lebensstation, an der wir gerade sind. Wir haben uns eingerichtet, können alles gut überblicken. Die Routine und Gewohnheit geben uns Sicherheit.

Doch dann kommt da wieder so ein Ziehen.
Aus unserem eigenen Herzen kann das kommen. Eine Sehnsucht vielleicht, die sagt: „Aber da fehlt doch noch was…..“

Und wenn wir diesem Gefühl nicht folgen, kann es sein, dass das Leben selber uns an einem unsichtbaren Tau packt und uns hinzieht zu dem Ort, zu der Erfahrung, die noch auf uns wartet, die auf unserem Reiseweg durchs Leben vorherbestimmt zu sein scheint.

Die Nixe ist am Sonntag angekommen beim Seniorenheim Bergfried. Es ist besonders schön, dass sie – als Stellvertreterin für unsere Lebensreise – auch an diesem lebendigen Ort für einen Monat verweilen darf.

Es gibt im Leben eben viele Stationen, an denen wir Zeit verbringen. Unsere innere Haltung, unsere eigene Einstellung entscheidet jedoch immer darüber, welche Qualität wir den verschiedenen Stationen auf unserem Reiseweg geben.

Wir wünschen den Bewohnern des Seniorenheims, allen, die dort arbeiten, die dort Besucher sind, die dort ein- und ausgehen, dass die Nixe ihnen etwas zu geben hat, dass sie ihnen zeigt, dass wir doch alle nur Besucher sind hier, Gäste für eine gewisse Zeit – Reisende auf der Erde für ein ganzes Erdenleben.

(Ria Wahlen-Cordes)