Es ist soweit. Jetzt begebe auch ich mich in die selbstgewählte Isolation.
Vorher gab es noch was zu erledigen. Ich hatte mit einer Freundin ein kleines „Konzert“ geplant, sie singt eigene Lieder, ich trage nach jedem Lied eines meiner Gedichte vor, das dazu passt. Wir übten mehrere Wochen lang, hatten Menschen dazu in ihren kleinen Veranstaltungsraum eingeladen. Dann kommt der große Einschnitt, alles fährt zurück, jeden Tag eine neue Nachricht.
Die Menschen sagten nach und nach ab und wir blieben dabei: Unser Auftritt fand statt – sowohl unsere Generalprobe wie auch der ‚echte‘ Auftritt, mit allem, was dazu gehört, Getränke, etwas für den Magen, eine Pause zwischendrin – unsere Männer waren das Publikum. Ich bin den beiden sehr dankbar, dass sie hierbei ‚mitspielten‘. Liebe !

In der letzten Woche kam mein Akkordeonlehrer noch vorbei und fütterte mich mit Theorie, die ich brauche, um alleine weiterzukommen. Gehamsterte Nahrung !

Ich habe noch meine Kinder gesehen – alle wohnen weiter weg, ich werde jetzt für eine Weile auf sie verzichten müssen. Wärme, Kraft und Vertrauen ließen sie hier !

Doch jetzt geht’s los. Meine selbstgewählte Isolation.
Was wird sie mit mir machen? Ich bin gespannt, ich nehme es als eine neue Erfahrung. Und ich werde ab und an etwas davon berichten.

„Ich lebte in Einsamkeit auf dem Land und bemerkte, wie die Monotonie eines ruhigen Lebens den kreativen Geist stimuliert“ – das Zitat ist von Albert Einstein.

Mir geht es so, dass die Fülle mich auf eine leise Art traurig macht, denn sie drängt mich zurück. Wenn zu viele Dinge um mich sind, nehmen sie mir Platz weg in meinem Lebensraum. Viele Menschen, die um mich sind, nehmen mir die Eigenwahrnehmung. Ein voller Kühlschrank sättigt mich, noch bevor ich Nahrung aufnehme. Ist nur wenig darin, werde ich kreativ, werde ich lebendig, fühle ich mich herausgefordert, aus dem Wenigen etwas zu machen. Meinem Mann fiel das einst an mir auf: „Immer wenn du nichts hast, läufst du zu Hochformen auf.“ Das ist das, was Einstein meinte. Das ist auch der Schlüssel zu unserer Evolution.

Ab heute wollen wir hier „Tropfen sammeln“. Das passt zu einer Nixe und das passt zu diesem Kulturprojekt. Wir sammeln Gefühlstropfen der Menschen, wir sammeln Gedankentropfen, die aus der Isolation entstehen.

Jeder darf mitmachen, der dies liest oder der sich durch den Zeitungsartikel aufgefordert fühlt. Traut euch, trauen Sie sich, uns eure/Ihre Gefühls- oder Gedankentropfen zu schreiben. Niemand muss seinen Namen nennen, man darf sich anonym mitteilen. In dem Meer von Tropfen kommt es nicht darauf an, wie jeder Tropfen heißt, es kommt nur darauf an, dass die Tropfen zueinander finden, um ein Meer des Trostes zu bilden in dieser Zeit. Oder ein Meer der Zuversicht. Oder ein Meer des Einander-Verstehens. Oder ein Meer der Verbundenheit unter Fremden.

Ich habe den Anfang gemacht. Aber es ist nur der Anfang. Wir sind gespannt auf viele, viele Tropfen.
(Ria Wahlen-Cordes)
Titelbild: Tropfenfotografie von Manfred Wilke