„Es wird Nacht, Senorita,
und wir haben kein Quartier.
Wir sind müde vom Wandern,
woll’n so gerne zu dir.
Ein bißchen schwimmen vielleicht,
mit dir tauchen am Grund,
ohne Kleider, nur Haut,
unsre Füße fast wund.

Doch da trennt uns ein Zaun,
unsre Beine sind schwer.
Dein Lächeln aber gibt Kraft,
zieht uns hoch drüber her.
Wir träumen vom Gleiten
mit dir durch die Flut.
Sei nicht grausam und komm,
die Berührung tut gut.

Es ist Nacht, Senorita,
die Sonne heute war heiß.
Wir lechzen nach Kühlung,
nach Befreiung vom Schweiß.
Ein bißchen schwimmen vielleicht,
mit dir tauchen am Grund.
Ohne Kleider, nur Haut – kühl die Lippen, der Mund…“

Gleich in ihrer ersten Nacht im Schwimmbad, nach einem dieser heißen Sommertage, bekam die Nixe Besuch von nächtlichen Badern. Wir wissen nicht, was genau sich zutrug in dieser Nacht, aber es fanden sich genug Indizien auf das nächtliche Geschehen am nächsten Morgen am Beckenrand.

Am Abend dieser bedeutsamen Nacht zogen schon viele Menschen in ihren Nachtgewändern an ihr vorbei – Pyjamaschwimmen nannte sich das. Ungewöhnlich für uns vielleicht, für Nixen nicht wirklich etwas Besonderes. Menschliche Gestalten in langen Gewändern, die geisterhaft durchs Wasser schweben – nicht nur im April 1912 sah sie das.

Täglich fahren dicke Pötte an ihr vorbei und sie schaut ihnen nach, kennt sie doch all die Gewässer, die sie befuhren.

Kinder spielen, springen, planschen, rutschen, rufen einander zu, freuen sich. Buntes Leben.
Menschen wollen sich mit ihr zusammen auf einem Foto sehen – viele, viele Selfies werden durch die Welt geschickt.

Beim Abzeichen-Schwimmen musste der Schwimmmeister ihr wohl oder übel den ‚Totenkopf‘ verleihen – so viele Stunden schwimmen ohne Festhalten am Beckenrand schafft niemand sonst, nicht einmal die Navy Seals.

Ja, und dann war da noch der Wasserrohrbruch im Schwimmbad. Wir wissen bis heute nicht, wer den verursachte, haben aber so einen Verdacht. Das Wasser war nicht mehr zu kontrollieren, es schäumte und floß in Bereiche, wo es gar nicht hingehörte. Handwerker wurden gerufen und da brauchte es schon ein paar dieser Fachleute bis der Punkt gefunden war, bis das Leck repariert war. Unserer Nixe machte das viel Vergnügen. Wasser, das sich nicht zähmen lässt, das sich ungehindert einen Weg sucht, Wasser, das frei ist und nicht mehr eingesperrt – das mochte unsere Nixe.

Aber Schwimmbadbesucher mögen das nicht. Und auch nicht die, die für das Schwimmbad verantwortlich sind. Die sorgen dafür, dass alles wieder seine Richtigkeit hat und in Ordnung kommt. Und sie schauen auch nach der Nixe, damit ihr nichts geschieht, denn die ist schließlich an Land und nicht in ihrem Element.
Erleben jedoch kann man an Land auch sehr viel, davon zeugen die letzten 18 Tage.