Ein Gedicht aus dem Kanon lesenswerter deutschsprachiger Werke Marcel Reich-Ranickis
von Agnes Miegel (1879-1964)
Drei ihrer Werke nahm Reich-Ranicki in seinem Kanon auf, obwohl sie eine Nähe zum NS-Regime hatte.

Die Frauen von Nidden

Die Frauen von Nidden standen am Strand
über spähenden Augen die braune Hand
Und die Boote nahten in wilder Hast
Schwarze Wimpel flogen züngelnd am Mast

Die Männer banden die Kähne fest
Und schrien: „Drüben wütet die Pest!
In der Niedrung von Heydekrug bis Schaaken
Gehn die Leute im Trauerlaken!“

Da sprachen die Frauen: „Es hat nicht Not, –
Vor unsrer Türe lauert der Tod
Jeden Tag, den uns Gott gegeben
Müssen wir ringen um unser Leben

Die wandernde Düne ist Leides genug
Gott wird uns verschonen, der uns schlug!“ –
Doch die Pest ist des Nachts gekommen
Mit den Elchen über das Haff geschwommen

Drei Tage lang, drei Nächte lang
Wimmernd im Kirchstuhl die Glocke klang
Am vierten Morgen still und jach
Ihre Stimme im Leide brach

Und in dem Dorf, aus Kate und Haus
Sieben Frauen schritten heraus
Sie schritten barfuß und tief gebückt
In schwarzen Kleidern, bunt bestickt

Sie klommen die steile Düne hinan
Schuh und Strümpfe legten sie an
Und sie sprachen: „Düne, wir sieben
Sind allein noch übrig geblieben

Kein Tischler lebt, der den Sarg uns schreint
Nicht Sohn, noch Enkel, der uns beweint
Kein Pfarrer mehr, uns den Kelch zu geben
Nicht Knecht, noch Magd ist mehr unten am Leben –

Nun, weiße Düne, gib wohl Acht:
Tür und Tor ist dir aufgemacht
In unsre Stuben wirst du gehn
Herd und Hof und Schober verwehn

Gott vergaß uns, er ließ uns verderben
Sein verödetes Haus sollst du erben
Kreuz und Bibel zum Spielzeug haben –
Nun, Mütterchen, komm uns begraben!

Schlage uns still ins Leichentuch
Du, unser Segen – einst unser Fluch
Sieh, wir liegen und warten ganz mit Ruh“

Und die Düne kam und deckte sie zu.
(Agnes Miegel)

Relativiert das vielleicht etwas unsere Angst???
Ria Wahlen-Cordes