Heute morgen stand sie noch eingewachsen in Dürkes‘ Garten, umschmeichelt von Blättern, Grasbüscheln und Blumen. Und jetzt, heute Abend ist der Blick frei aufs Wasser gerichtet. Hinter ihr das Wasser im Schwimmbecken des Freibads, vor ihr die Elbe. Auch wenn es sehr schön war auf ihrer letzten Station, so ist es doch eine gewisse Befreiung, die heute eintrat.

Zunächst nämlich fiel ihr beim Einladen in den VW-Bus nicht nur ein Zacken aus der Krone – nein, ihre ganze Krone passte nicht mehr. Sie warf sie einfach ab.
Warum braucht man eine Krone? Um der Welt zu zeigen, dass man etwas Besonderes ist, dass man anders ist als die Anderen. Man möchte beachtet werden und erhofft sich besonderen Respekt.  Wenn Menschen sich (auch nur in ihrer eigenen Vorstellung) eine Krone aufsetzen, haben sie nicht das Gefühl, zur Gemeinschaft der Anderen dazuzugehören. Das hatte unsere Nixe auch nicht. Sie war doch immer irgendwie Außenseiterin.

Aber das hat sich verändert in der letzten Zeit. Andersdenkende, Andersseiende, Andersfühlende schießen wie Pilze aus dem Boden, weil das Klima ihnen die richtigen Wachstumsmöglichkeiten verschafft. Auch „für Nixen“ gibt es mehr Freiräume. Überall wird man sich ihrer bewusst, aller Orten tauchen Schilder auf, die ihnen Bewegungsfreiheit garantieren. Dass es sie gibt, die Andersseienden, wird stets mehr wahrgenommen in der Welt.

Und wenn die Gesellschaft das Andersdenken, das Andersfühlen und das Anderssein zuließe, bräuchten wir keine Gekrönten mehr, keine, die sich in ihrem Anderssein abheben wollen, weil wir uns als eine große Gemeinschaft verstünden, in der jeder seine kleine Krone trägt, weil er -wie alle- etwas ganz Besonderes ist.

Unsere Nixe steht jetzt im Freibad, umgeben von Wasser und doch nicht darin. Wenn das Freibad gefüllt ist mit Menschen, wird es um sie her trubelig sein. Auch laut, auch lustig, auch ein bißchen anstrengend vielleicht aber inmitten menschlicher Betriebsamkeit wie noch niemals zuvor. Denn Schwimmbäder sind schon besondere Orte.

Was, glaubt ihr, finden Menschen aus Südamerika an Europa besonders beeindruckend? Unsere Architektur? Unsere Geschichte? Unser Klimat? Nee.

Unsere öffentlichen Schwimmbäder, wo arm und reich zusammen ins Wasser gehen und ihre Bahnen schwimmen. Wo man nebeneinander auf derselben Wiese liegt. Wo arm und reich sich GEMEINSAM am Springturm anstellen für einen Sprung ins kühle Nass.

Für uns ist das selbstverständlich. Anderswo nicht.

Es ist ein soooo guter Ort, an dem unsere Nixe jetzt steht! Und sie steht da jetzt ganz ohne Krone. Besucht sie doch mal…

(Ria Wahlen-Cordes)
ein besonder Dank gilt Heinzfrieder Dürkes, er weiß schon, warum