Wie von einer dünnen Eisschicht sind wir alle überzogen. Das Eis ist die Kälte des Schocks, der von außen kam und uns traf, unvorbereitet. Es ist nicht nur Corona, der ist ja nur der Auslöser. Nein, da ist noch das Andere, das, was wir noch nicht wissen, das, was noch in der Zukunft liegt, das, was wir nicht einschätzen können. Das ist die eigentliche Eisschicht.

Und hinter dem Eis sind wir. An einer Stelle mitten in unserem Körper hat der Schock uns erstarren lassen. Irgendetwas in uns ist ganz kalt geworden dabei.

Wenn ich mir die Blüte auf dem Foto ansehe hinter ihrer Eisschicht und mir vorstelle, ich sei diese Blüte, dann habe ich das Bedürfnis ihr näher zu kommen, sie zu wärmen. Denn das bin ich, die da durch das Eis zu sehen ist.

Wir sollten uns deutlich machen, dass etwas von außen auf uns traf, das die Kraft hat, uns in Erstarrung zu versetzen. Und wir sollten uns fragen, ob wir diese Starre zulassen wollen.

Wenn uns das erst einmal bewusst ist, können wir Maßnahmen dagegen ergreifen. Vorher nicht.

Im Obstbau ist diese Eisschicht um die Blüte gewollt, bewusst hergestellt, um sie zu schützen vor richtigem Frost. Die Eisschicht isoliert die Blüte, denn in der Blüte existiert die junge Kraft des Frühlings. Das muss eine Kraft sein, die natürliche Wärme enthält. Wie sollte die Blüte wohl sonst hinter dem dicken Eis überleben?

In dieser Zeit gilt es, nach unserer Lebenskraft Ausschau zu halten, zu forschen und zu untersuchen, was für uns Lebenskraft bedeutet. Was hält uns am Leben? Was gibt uns im Innersten Wärme?

Die Zellen unseres Körpers erneuern sich ständig, immerzu. Auch wenn wir schon älter sind, heißt das ja nicht, das unsere Zellen auch so alt sind wie wir. Die Kraft des Frühlings existiert in uns jeden Tag – wir nehmen sie nur nicht mehr wahr.

Ist das nicht eine Tatsache, für die wir unsagbar dankbar sein können?
Aber wenn unser Körper diese Kraft besitzt, dann müsste logischerweise auch unser Geist über diese Kraft verfügen. Und unsere Seele erst!
Wir sind ein Speicher von Energie. Was aber füttert diesen Speicher mit Energie? Nur die Nahrung, die unser Mund aufnimmt? Was nährt mich im Innersten? Was lässt meine Seele ein Konzert in mir veranstalten? Was muss ich ihr dafür geben?

Diese Frage kann nur jeder für sich selber beantworten. Aber es lohnt sich, diese Frage mal zu stellen – auch, oder vielleicht gerade in diesen Zeiten.

(Ria Wahlen-Cordes)