‚Mehr Nixen in die Welt‘ und ‚Ich würde mir gerne mehr Nixen wünschen‘ – das stand im letzten Blogeintrag. Aber was sollen diese Sätze überhaupt?

Die Nixe gilt als eine Form des Archetyps der Anima. Archetypen nennt man Bilder, die bewusst oder unbewusst in unserem Inneren existieren, die kollektiv verstanden werden, unabhängig davon, aus welchen Kulturen wir Menschen stammen. Archetypen bilden Assoziationen zu geistigen Ideen. Zu solchen Ideen gehören z.B. der Krieger, der Wanderer, der Beschützer, das Feuer, ein Brand, Wasser generell, aber auch der Fluss, der See, das Meer – die Mutter, der Vater, das Kind, ein Held, eine Heldin, der Bote, die Heilerin,  all dies sind Bilder, die jede Kultur kennt und deshalb werden sie Arche-Typen genannt.

Die Anima nun ist ein Bild der Weiblichkeit, das im Inneren des Mannes existiert. Die Nixe gilt als ein solches Bild. Aber ich kann mir vorstellen, dass es auch andere Bilder für Weiblichkeit in den Männern gibt. Hierüber kann ich als Frau keine Aussage machen.

Ich weiß jedoch, dass C.G.Jung behauptet, dass, wenn der Mann seinen Kontakt zu seiner Anima verliert, ihm die Verbindung fehlt zu seinem kompensierenden Unbewussten, zu der Kraft also, die für den gesunderhaltenden Ausgleich zu seiner Männlichkeit sorgt.
„In einem solchen Falle“ schreibt Jung „pflegt das Unbewusste Emotionen unverhältnismäßiger Natur zu produzieren wie Gereiztheit, Unbeherrschtheit, Überheblichkeit, Minderwertigkeitsgefühle, Launen, Depressionen, Zornausbrüche …“

Um zu zeigen, dass auch wir Frauen einen Animus besitzen, ein inneres Bild des männlichen Anteils in uns, bemühe ich ein zweites Mal John William Waterhouse und zeige euch daneben meinen inneren Mann, von dem ich hoffe, dass er das zu umschiffen versteht, was auf dem Bild dargestellt wird.

In mir trägt still der Ruhe Strom
Ein Schiff, beladen satt
Im Bauch der vielen Arbeit Lohn
Behäbig, schwer und matt

So festlich ist mir heut zumut
Als würde Einer kommen
Der in mir weckt die letzte Glut
Die Kraft, die fast zerronnen

Ich brauche dich, mein Animus
Du wirst mein Herr Gemahl
Mit dir verschmelz ich innerlich
Du bist die höchste Wahl

Nimm du mein Steuer jetzt zur Hand
Gib Acht, das Schiff ist schwer
Ich übergebe dir den Kahn
Geb alle Sorgen her

Den Rest der Reise steuerst du
Wir sind auf Lebensmitte
Ich ruh mich aus und schau dir zu
Und hab doch eine Bitte

Bedenke stets, wer ihn geladen
Den großen, satten, schweren Kahn
Sei eingedenk der teuren Ladung
Bevor du läufst die Häfen an

Bevor du gibst die Schätze fort
Bedenke, wem sie nützen
Gib gerne und am rechten Ort
Es gibt nichts mehr zu schützen

(ria.walenco)

Mein innerer Mann ist der Kapitän, der mein Lebensschiff steuert, dem ich meine komplette Ladung anvertraue und der bestimmt, wo es hingeht. Unsere Nixe trägt gewissermaßen zwei Bilder in sich, denn sie ist Nixe und Steuermann zugleich – androgyn vielleicht.

Ich möchte jeden ermutigen, in sich die Frage zu bewegen, wer denn seine Anima oder ihr Animus ist und herauszufinden, welches Bild dabei vielleicht entstehen würde.
Ria Wahlen-Cordes